Texte

13 Sätze über Zeichnungen für Monika Breustedt

 

1 zu fragen was früher ist Vorstellung oder Strich ist fragen
was früher ist Strich oder Vorstellung
2 Strich der sich selbständig macht ist an Vorstellung gebunden
Vorstellung die den Strich lenkt ist vom Strich abhängig
3 einzelner Strich Gruppe von Strichen Felder von Strichen
Miteinander Gegeneinander Ineinander von Strichen und schon ist
etwas zu sehn
4 Strichlagen die die Fläche der sie aufliegen in eine andere
Dimension übersetzen
5 das Haar der Striche auf dem Blatt ausbreiten
6 aus dem Dickicht der Striche hinüber wechseln ins Weiß des
Papiers und schon ist etwas zu sehn Haus Baum Blume Birne
7 Kraft des Strichs die aus Hand Arm Schulter Körper Kopf kommt
8 Gewalttätigkeit des Strichs Zartheit des Strichs Zärtlichkeit
des Strichs ein Bild machen
9 ein Bild aus Strichen Stilleben Landschaft
10 was in den Strich eingeht ist aus dem Strich abzulesen
11 das Bild zu dem sich die Striche verflechten Stilleben Land-
schaft ist aus dem Geflecht der Striche zu entziffern
12 das Entzifferbare des Bildes das im Geflecht der Striche ruht
13 Zeichnen heißt aus Strichen ein Bild machen

Helmut Heißenbüttel

 

Helmut Heißenbüttel:
Versuch über Bilder von Monika Kokemüller-Breustedt zu reden.

Wollte man Künstler, die in der heutigen Zeit Bilder machen, in Gruppen oder Grundtypen einteilen, so könnte man sagen, es gibt solche, die vor allem malen, solche, die vor allem zeichnen und solche, die nichteigenes Bildmaterial benutzen, also Collagen oder Montagen machen. Ein typischer Zeichner ist zum Beispiel Horst Janssen. Es gibt auch Künstler, in deren Werk nicht ein solches eindeutiges Schwergewicht zu erkennen ist, sondern eher ein sowohl-als auch, das eine wie das andere. Monika Kokemüller-Breustedt zum Beispiel würde ich eher in eine solche Zwischengruppe einordnen. Sie malt und zeichnet. Aber es ist nicht so, daß entweder das Malerische oder das Zeichnerische den Vorrang hat, es dringt auch nicht eins in das andere ein oder überlagert eins das andere, sondern Zeichnung und Malerei erscheinen durchaus getrennt und als unterscheidbare Medien.

Dies vorausgesetzt, wäre nun zu fragen, ob das einfach so festzustellen ist, ob das an der beschreibbaren Verbindung von Bildgegenstand und Bildmethode herauszulesen ist oder ob es da andere Kriterien gibt. Auf den ersten Blick könnte man vielleicht feststellen, daß die gemalten Bilder einen realistischeren Eindruck machen. Aber ist das nicht eine Täuschung, bleibt man als Betrachter da nicht zu sehr an der Oberfläche? Was sind denn die Bildgegenstände, die Monika Kokemüller-Breustedt zeigt? Landschaften und Stilleben, keine Figuren. Gibt es dabei eine bevorzugte Bindung des einen Gegenstands an ein Medium? Eindeutig nicht. Es gibt gemalte und gezeichnete Landschaften und es gibt gezeichnete und gemalte Stilleben. Auch die Motive, zum Beispiel Bäume oder Birnen kommen auf beiden Seiten vor.

Aber bleibe ich einmal bei den Birnen, die ja sehr deutlich sind in diesem Werk. Wo liegt der Unterschied? Materialisieren sich die gezeichneten Birnen nicht eher wie aus einem Geflecht von Farbstiftstrichen? Gibt nicht dieses Geflecht der Striche weniger einen Gegenstand frei als daß der Gegenstand Anlaß scheint für das Eigenleben des Strichgeflechts? Erscheint nicht in der gemalten Birne der Gegenstand Birne mehr er selber als die farbige Modulation der Malweise? Man kann diese Fragen, so denke ich, nicht eindeutig mit ja oder nein beantworten. Denn blicke ich genauer hin, so erkenne ich, daß dennoch die gezeichnete Birne ihre ihr eigene Bildsubstanz besitzt und, umgekehrt, die gemalte Birne erst aus der diffizil abstufenden Pinselführung sich aufbaut. Was unterscheidbar ist, läßt sich offenbar nicht auf Grundverhöltnisse zurückführen, sondern erscheint als ein unterschiedlicher Weg zum Bild.

Dieser Weg zum Bild ist nun nicht einfach eine Methode zur Sichtbarmachung von etwas, das auch außerhalb des Bildes als realer Gegenstand zu sehen ist. Man muß sich, denke ich, von der herkömmlichen Vorstellung freimachen, nach der da etwas real vorhanden ist, das dann so gut, so genau oder so stilistisch eigenständig wie möglich aufs Blatt oder auf die Leinwand übertragen wird, Kriterien dabei: Erkennbarkeit oder Originalität, Erkennbarkeit und Originalität. Das kann ja inzwischen die Fotografie wirklich besser, und auch die ist im Grunde bereits darüber hinaus. Sondern das, was aufs Blatt oder auf die Leinwand kommt, ist etwas, das sich im Sehzentrum des Malenden oder Zeichnenden vom sogenannten Gegenstand festgesetzt hat. Diese Festsetzung aber nimmt bereits etwas von dem Prozeß, dem sich am Ende das ästhetische Produkt, das Bild, verdankt, voraus.

Der Maler oder Zeichner sieht zum Beispiel etwas in den Gegenstand hinein. Wenn ich bei der Birne bleibe, so könnte ich sagen, daß eine solche Birne bestimmte Analogien zu menschlichen Rumpfformen hat. Das Hineinsehen würde dabei in der Regel kein bewußter oder gar geplanter Akt sein, sondern ein Vorgang, der aus dem mehr unbewußten Vorrat an Bildern, Bildüberlagerungen, Bildvermischungen hervorsteigt. Es könnte aber ebenso sein, daß der innere Blick, wenn ich ihn einmal so nennen darf, gar nicht zuerst den Gegenstand sieht, sondern etwas Flöchiges oder etwas Geflechtartiges, Formationen von Strichgruppen oder Strichkreuzungen, die sich dann verdichten in Richtung auf das, was das Auge gegenständlich sieht. Der Radierer und Zeichner Malte Sartorius hat einmal gesagt, es komme ihm vor allem auf die Strichlagen an, und da er mit der Lupe nahe an der Radierplatte arbeitet, hat er im Herstellungsprozeß zuerst und vor allem dieses Gewirr von Strichen vor Augen, erst dann Landschaft oder Stilleben.

Ich meine, daß man bei den Bildern von Monika Kokemüller-Breustedt nicht ganz so weit gehen kann. Eher ist etwas anderes erkennbar. Bei Zeichnungen gibt es immer wieder eine Tendenz zur Überschreitung der Grenzen des Bildgegenstands. Bäume, Häuser, Landschaftsflächen werden im Strich nicht isoliert, sondern die Strichlage reicht gleichsam weiter als das, was sie darstellt. Dabei wird immer wieder die Eigenbewegung, ich möchte fast sagen, Eigenmächtigkeit des Strichs deutlich. Landschaft oder Stilleben werden im Medium des Strichs, auch der farbigen Modulation der Strichgeflechte eingetaucht wie in eine künstlerisches Temperament. Dieses Temperament scheint von einer gewissen Heftigkeit, das im Bild Gezeigte wird sozusagen eingetaucht in die Materialisation dieser ganz eigenen Heftigkeit. Während bei aller Differenzierung die Ölbilder den Gegenstand eher plastisch herausarbeiten und damit auch in sich isolieren und konzentrieren. Der Vorgang der Bildherstellung erscheint im gemalten Bild also auch als eine Akt der Sammlung. In diesem Akt wird jede Einzelheit wie etwas Stellvertretendes für das Bildganze.

Wenn ich so, als Betrachter, von meinem betrachtenden Eindringen in die Bilder überzugehen versuche in eine grobe Klassifizierung und Einordnung dieser Bilder, müßte ich, abgekürzt, feststellen, daß die gemalten Bilder den Eindruck einer Konzentration auf das innere Abbild, das, in das auch etwas hineingesehen worden ist, machen, während das gezeichnete Bild eher den Bildgegenstand einbettet in ein künstlerisches Temperament. Wo die Entscheidung zu welchem Prozeß stattfindet, darf, so bin ich überzeugt, nicht gefragt werden. Denn diese Frage würde in die Psychologie des Künstlers selbst, der Künstlerin Monika Kokemüller-Breustedt in unserem Fall, hineinführen, und nicht diese spielt eine Rolle für die Aufnahme des Bildes, sondern die Hypothese über den Prozeß der Herstellung und dessen Ergebnis.

Wenn ich so rede, rede ich über etwas, das mir vor den Bildern von Monika Kokemüller-Breustedt aufgefallen ist, was mich darin zum Nachdenken und Formulieren angeregt hat. Aber was ich so rede, ist ein Entwurf. Ich kann mich irren. Jeder andere Betrachter kann es anders sehn. Zugleich will ich nicht Widerspruch erregen. Der Entwurf, den ich versuche, soll hinweisen. Diesem Hinweis können vielleicht andere Betrachter nachgehen. Wenn sie mir folgen, können sie etwas entdecken, was ich übersehen habe. Aber sie dringen in die Bilder ein. Sie beschäftigen sich damit. Sie eignen sie sich an. Sie beginnen sie zu lesen. Was ich hier zu geben versucht habe, ist eine Leseanweisung für die Bilder von Monika Kokemüller-Breustedt. Auch wer sie verwirft, und ich habe nichts dagegen, wird veranlaßt zu lesen.

Italienisches Kulturinstitut Hamburg, 18. Januar 1985

 

 

SIMON NEUBAUER

Einführende Worte zur Ausstellung
Wolfram-Eberhard Saro, Dirk Saro und Monika Breustedt
in der Galerie Bollhagen, Worpwede, am 7.9.91

(…)Novalis liess seinenHeinrich von Ofterdingen fragen: „Wohin gehen wir?“und gab die Antwort :„Immer nach Hause“.
Für Monika Breustedt, die seit etlichen Jahren in Worpswede lebende Künstlerin, gilt diese Feststellung, wenn man den Weg nach Hause als eine Richtung ins Innere, zum eigenen Ich, zu sich selbst versteht.
Monika Breustedt hat sich ja schon längst einen guten Namen gemacht mit ihren Stilleben, Kompositionen meist aus Früchten, Vasen, Gebäudeteilen. das waren Bilder, die aus der Helle herausströmten, Bilder mit der trockenen Nüchternheit der Gegenstände, Bilder, in denen diese Deutlichkeit der Gegenstände aber gemildert wurde durch das Licht und durch die Zärtlichkeit der Betrachtungsweise. Und sie scheute sich nicht, auf Giorgio Morandi, den Meister der Pittura metafisica hinzuweisen und zu bekennen, dass man auch über die Bilder anderer Künstler zur eignen Kunst finden kann.

Sechs Bilder, die Monika Breustedt für eine Ausstellung in Dachau schuf, änderten- fast möchte man sagen schlagartig – zum Teil die Themenwahl, ganz gewiss aber die inneren Gesichte der Künstlerin. Ohne je plakativ oder politisch vordergründig zu werden, entdeckte sie Dunkelheit, Leid, Einsamkeit, die Qualen des Verhörs, Angst und eine Traurigkeit, die durch ein Spiegelbild an das eigene Nach- und Miterleben erinnert.

Und Hand in Hand oder besser gesagt, mit Herz und Kopf veränderte Monika Breustedt auch ihre Technik. Sie aquarelliert jetzt mit Vorliebe sehr differenzierte, sehr subtile Malgründe, in die dann Strich eintritt, dessen Bedeutung ihr der Dichter Helmut Heissenbüttel ganz persönlich ins Stammbuch geschrieben hat: „Was in den Strich eingeht, ist aus dem Strich abzulesen“.
Und es ist gar viel in diesen vibrierenden Strich eingegangen, nämlich Sensibilität und Zärtlichkeit, aber andererseits auch Zerstörerisches, zur Auflösung Drängendes. In diese Malgründe, im Kolorit von weicher Transparenz bis zur düsteren Glut anschwellend, von einem lichten Grau bis zum glutenden Dunkelviolett sich spannend, komponiert Monika Breustedt ihre bekannten Gegenstände, Früchte und Blumen zumal in einer Art, in der die Gegenstände mit dem Malgrund in einer „differenzierten Monotonie“- wenn man einmal so sagen darf- jedenfalls harmonisch verschmelzen.
Dieser künstlerische Prozess führt bei Monika Breustedt weiter hin zu einer Abstrahierung zwischen Körperlichkeit und blossem Zeichen, führt hin zu einem geschlossenen Klang.

„Ding und Raum, Stilleben und Landschaft sind Träger  magischer Spuren der mich umgebenden Wirklichkeit“, bekennt Monika Breustedt. Und hinzufügen möchte man, dass die Wirklichkeit immer mehr zurücktritt hinter die Magie,eine Magie, die den Dingen und der Landschaft nicht mehr ihre Existenz, sondern ihre tiefere Bedeutung  abfragt. (…)

(Simon Neubauer,.Kulturredakteur, Ressorteiter des Weserkurier von 1975 bis 1990)

 

 

Die Worpsweder Künstlerin Monika Breustedt schafft Bilder, die in ihrer zarten Ausstrahlung den Betrachter gefangennehmen,

mbreustedtDabei sucht die Malerin und Zeichnerin feinsinnige, unaufdringliche Motive in lyrischerStimmung. Niemals zeichnet oder malt Monika Breustedt erschreckende Bilder; in jedem Falle entstammen ihre Darstellungen harmonisch geordneten Dingen ihrer unmittelbaren Umwelt. Überlegt gestaltete Stillleben und streng aufgebaute Landschaften werden mit Farbstiften geschaffen oder als Ölgemälde von empfindsamer Farbigkeit präsentiert.

Monika Breustedt bevorzugt die Unmittelbarkeit der Zeichnung und der Malerei, wobei die Darstellung den bewussten Überlegungen der Künstlerin entspricht. Die Wahl der künstlerischen Techniken liegt im wesentlichen darin begründet, daß zwischen der zeichnerischen oder malerischen Aufgabe und ihrer schöpferischen Umsetzung mögliche Blockaden vermieden werden sollen.
Die Künstlerin meidet also Zwischenverfahren, wie sie beispielsweise in der Druckgrafik eingesetzt werden. Immer ist es die Komposition des ordnenden Verstandes, die die Frage umfaßt, was steht hinter der zu beobachtenden Wirklichkeit?

Die interessante Künstlerin wählt zum einen das „Handwerk, das zu ihr gehört”, das sozusagen „in der Hand liegt”. Ein streng kalkulierter Bildaufbau führt entscheidend dazu, die Faszination des Betrachters über die Schönheit hinaus zur kühlen Distanziertheit des Dargestellten zu lenken. Die Darstellung des Menschen fehlt zumeist in Monika Breustedts Bildern, deren suggestive Stille das Gefühl von Einsamkeit vermitteln; für die Zeichnerin und Malerin sind „Ding und Raum, Stilleben und Landschaft. .. Träger magischer Spuren der (sie) umgebenden Wirklichkeit”. Hier bleiben allein die Spuren des Menschen in dem durchdachten Kunstwerk präsent. Es sind aber keineswegs sentimentale Bilder. Die dargestellten Gegenstände, eingewoben in ein Geflecht von Strichen oder zusammengefügt als wesenhafte Form- und Farbkompositionen, werden in ihrem Ausdruck zu magischen Wirklichkeiten.

Die Werke Monika Breustedts wirken vor allem durch eine ästhetische Leichtigkeit. Ihre Bilder zeigen einen tektonisch-konstruktiven Aufbau: Häuser, Häuserwinkel, Stilleben aus verschiedenen Blickwinkeln.

Monika Breustedt, in Bad Harzburg geboren, studierte in den Jahren zwischen1962 und1977 an den Kunstakademien in Bielefeld, Berlin und Kiel Bildhauerei, Grafik und Malerei. Seit dem Stipendium der Atelierhaus-Stiftung Worpswede1984/85 lebt und arbeitet die Künstlerin in Worpswede.

Vorbilder für das künstlerische Schaffen von Monika Breustedt sind unter anderem Paul Gezanke und Giorgio Morandi. Jedoch arbeitet — frei von bestimmten Kunstrichtungen — die Worpsweder Künstlerin in einem unverkennbar eigenen Stil, wenngleich sich Neigungen als Gestaltungsformen des Kubismus andeuten. Allgemein können wir die Werke der Zeichnerin einem poetischen Realismus zuordnen.

Die Bildwelten der Worpsweder Zeichnerin oder Malerin übermitteln eine konzentrierte, geheimnisvolle Stille: Gefäße oder Früchte, Baumlandschaften oder Häuserwinkel — (in Worpswede oder auch in Italien entstanden) — außerdem die Zusammenstellung einfacher Birnen, die in ihrer veränderten Form „zu beseelten Wesen werden”. Der Betrachter läßt seine Augen wandern und wird eingebunden in ein feines Gewebe von Strichen oder berührt durch die unaufdringliche Ausstrahlung von Farben.

(Dr. Helmut Stelljes)